GBS: Eltern und Kinder sind eben nicht zufrieden

Auch, wenn Senator Rabe anderes behauptet. Hamburger Schulbehörde gibt endlich Ergebnisse der Schulbegehung frei.

Hamburgs Eltern warteten lange auf die Ergebnisse der Schulbegehungen. „Das war ärgerlich“, bedauert Gerd Kotoll von der Initiative GUTER GANZTAG. Eine Auswertung der Ergebnisse der in den letzten drei Jahren eingeführten GBS-Ganztagsschule sollte bereits auf der letzten Sitzung der Elternkammer sowie beim Runden Tisch zur Verbesserung des Ganztags vorgetragen werden. Der Runde Tisch, an dem Vertreter der Schulbehörde, der Träger sowie des Landeselternausschusses (LEA) sitzen und nach Lösungen für GBS/GTS suchen, wurde abgesagt. Auch der Vortrag bei der Elternkammer fand nicht statt. Das ist enttäuschend. Blockiert die Schulbehörde die Zusammenarbeit mit Eltern und Verbänden?

„Wenn wir den Nachmittag an Hamburger Schulen verbessern wollen, dann sollten wir das alle gemeinsam tun“, fordert Gerd Kotoll. Denn nur wenn Lehrer, Erzieher, Eltern, Kinder, Sozial- und Schulbehörde an einem Strang ziehen, kann das Bestmögliche für die Ganztagsbetreuung der Hamburger Kinder herauskommen.

Während sich der Schulsenator über Rekordteilnehmerzahlen am Ganztag freut, bleiben Hamburgs Eltern weiter skeptisch, denn die viel beschworenen „Anfangsprobleme“ bestehen fort und die gestrige Verkündung aus der BSB zeigt wenig wirkliche Verbesserung.

„Gestern wurden die Ergebnisse endlich vorgestellt“, sagt Christian Martens von der Initiative. „Und wir sind froh, dass wir jetzt eine Basis haben, auf deren Grundlage wir in Gespräche gehen können. Denn: Es wird Zeit, dass die Ganztagsschulen besser ausgestattet werden – die Kinder, die jetzt im Ganztag sind, können nicht mehr warten!“

„Ich finde, die Schulbegehungen sind von Seiten der Schulbehörde der richtige Weg einen Blick auf die Situation an den Schulen zu werfen“, lobt Christina Dwenger von der Initiative GUTER GANZTAG. Doch sie sieht auch ein Problem: „Es ist eine Gratwanderung für Träger und Schulleitung. Einerseits sind diese Begehungen eine Möglichkeit zu sagen, wo der Schuh drückt und festzustellen, was gut und schlecht läuft. Andererseits möchten sich die Beteiligten auch nicht unbedingt die Blöße geben und sagen ‚Wir schaffen das nicht‘ – ‚So funktioniert das nicht‘, denn das kann auch negativ für ihre Arbeitsweise ausgelegt werden.“. Entsprechend sollten nach Dwengers Meinung die Ergebnisse der Begehung betrachtet werden: „Das, was hier sichtbar wird, ist die Spitze des Eisberges – nicht mehr und nicht weniger. Aber wir sehen in den Ergebnissen tatsächlich einige unserer Punkte bestätigt und das gibt bei guter Auswertung eine Basis für Verbesserungen.“

Eines der zentralen Probleme im Ganztag bleiben die Räume. Zwar heißt es in der Meldung der Behörde, die Schulen hätten viel Platz, gleichzeitig erklärt sie aber, dass 99% der Schulen die Klassenräume zur Nachmittagsbetreuung nutzen. „Übersetzt heißt das, dass 99% der Kinder Ihre Nachmittage im Klassenzimmer verbringen. Inwiefern flexibles Mobiliar an diesem Missstand etwas ändern kann und woher der Platz für die benötigten Rückzugsräume kommen soll bei gleichzeitig fortbestehenden Verkaufsplänen für Hamburgische Schulflächen, verschweigt der Bericht“, erklärt Dwenger die Kritik der Initiative. Der hohe Lärmpegel, der mit der Raumnot einhergeht, stresst Kinder und Mitarbeiter, nicht nur beim Mittagessen. Es fehlen neben Lärmschutzdämmungen eben auch Rückzugsräume für die Kinder, in denen sie sich einfach mal erholen können. Und das nachhaltig. Denn die Raumplanung der Behörde zB beim Kantinenbau gingen von 60% Teilnehmerquote aus. Bei Schulen mit über 80% der Kinder im Nachmittag werden diese Probleme auf Jahre bestehen bleiben.

Ganz eindrückliche Erfahrungen scheint die Behörde bei der Begehung mit den hygienischen Zuständen in den Schulen gemacht zu haben, denn nun sollen mehr Mittel für Reinigung zur Verfügung gestellt werden. Für Kinder ist es eine Zumutung, wenn sie verunreinigte und unhygienische Toiletten nutzen müssen. In jeder öffentlichen Toilette wird dokumentiert, wer wann gereinigt hat. Doch wenn 40 Kinder sich über einen ganzen Tag drei Toiletten teilen, die einmal am Tag gereinigt werden, dann sollen die Kinder das so hinnehmen, weil es ja nur Schüler sind? „Das ist eine ganz offensichtliche Ungeheuerlichkeit, über die wir Eltern uns schon lange beschweren. Darum freuen wir uns sehr, dass Senator Ties Rabe hier nachbessern will“, lobt Christina Dwenger. „Ob allerdings die angekündigte Summe verteilt auf alle Hamburger Ganztagsschulen eine wesentliche Verbesserung der hygienischen Situation bringt, bleibt abzuwarten.“

Offenbar hat auch die Behörde den Wert von Kooperationszeiten zwischen Kräften des Vor- und Nachmittags erkannt. So lobt der Senator ausdrücklich die mehrmals in der Woche stattfindenden Austauschgespräche zwischen Schul- und Trägervertretern. Dass für diese wichtige Aufgabe vertraglich allerdings pro Schule täglich 15 Minuten zur Verfügung stehen, wird hier nicht erwähnt.
Es ist frustrierend sowohl für Lehrer, als auch für Erzieher, wenn es keine ausreichenden Übergaben gibt. „Vor- und Nachmittagsarbeit würden von einer engeren Zusammenarbeit profitieren“, erklärt Gerd Kotoll. Nur so lässt sich ein erfolgreicher Spannungsbogen für die Entwicklung der Schüler ziehen. „Während die Schulbehörde sich mit der Veröffentlichung der Ergebnisse der Schulbegehung bedeckt hielt, nahm Der Paritätische Wohlfahrtsverband Hamburg Geld in die Hand. „Hier wird endlich jemand tätig“, lobt Christian Martens. „Hier setzt der Paritätische Maßstäbe und wird exemplarisch zeigen, was eine Verbesserung der Ganztagsstrukturen bewirken könnte. Genau diese Maßnahmen hätten wir von der Schul- und Sozialbehörde erwartet. Es ist traurig, dass jetzt Verbände die Arbeit der Behörden übernehmen müssen“. Doch die Behörde wird nun doch tätig mit einem Pilotprojekt. An ausgewählten Schulen sollen Erzieher des Nachmittags auch im Vormittag tätig werden und dadurch die Möglichkeit erhalten, Vollzeit in ihrem Beruf zu arbeiten: „Wir freuen uns, dass die Schulbehörde in diesem Pilotprojekt den Einsatz von qualifiziertem Personal – und wir gehen davon aus, dass es sich hier um Erzieher handelt – im Vormittagsbereich testen will. Wenn das Modell flächendeckend eingesetzt werden sollte, dann würde die Schulbehörde drei Fliegen mit einer Klappe schlagen: perfekte Verzahnung von Vor- und Nachmittag, Stärkung des Unterrichts sowie Verhinderung der hohen Fluktuation von guten Mitarbeitern im Nachmittagsbereich. Wir sind sehr gespannt auf die Entwicklung“, sagt Dwenger.

Ebenfalls kritisch betrachtet die Initiative GUTER GANZTAG die Ergebnisse des Senators zur Gruppengröße. Da nach wie vor ein Schlüssel von 1:23 in den normalen Stammgruppen finanziert sind, ist nicht klar, woher die Mittel für die angeblich beobachteten Gruppengrößen von 11-16 Schülern je Erzieher kommen. „Wir vermuten, dass es sich hier um durchschnittliche Gruppen in Kursangeboten handelt. Mit den tatsächlichen Größen in den Stammgruppen bis 16.00 hat dies nach unserer Erfahrung nichts zu tun, so Christian Martens von der Initiative und fordert deshalb: „Schluss mit der Schönrechnerei. Unsere Ganztagsschulen brauchen mehr Geld für Erzieher im Nachmittag“.

Auch das Mittagessen ist ein Punkt, der Eltern sehr umtreibt. „Ich kenne Eltern, die sind mit der Essenssituation so unzufrieden, dass sie ihre Kinder vom Mittagessen abgemeldet haben“, erzählt Dwenger. „Die positive Bewertung des Essens überrascht uns. Neben Lärm und der mangelnden Qualität durch zu lang warmgehaltenes, nährstoffarmes Kantinenessen stehen für die Eltern weitere Probleme im Vordergrund: An vielen Schulen essen die Kinder nach wie vor in Klassenräumen, an anderen Standorten gibt es das Mittagessen aus Platzgründen in mehreren Schichten, so dass die letzen Kinder erst um 15.00 Uhr mit dem Essen fertig sind.“

„Was wir bei den Fragestellungen rund um die Begehung vermissen, das ist der Blick auf die Inklusion. Denn nur wenn diese am Vor- und Nachmittag gelebt und unterstützt wird, kann Schule ihrer verantwortungsvollen Aufgabe gerecht werden“, sagt Dwenger. Außerdem wurde das Thema der Hausaufgabenbetreuung nicht angesprochen, das für viele Eltern nicht zufriedenstellend gelöst ist im Ganztag.

Wir begrüßen die angekündigten, jährlichen Begehungen an den Hamburger Grundschulen. Die Behörde sollte dringend mit den GTS-Schulen weiter machen“, so Christina Dwenger. Denn Erzieher aus der GTS sollen auch schon Überlastungsanzeigen aufgegeben haben. Auch hier muss dringend nachgesteuert werden.“

„Wir hoffen, das bei den zukünftigen Begehungen und Planungen auch wieder Eltern mit ins Boot geholt werden. Denn die sind das Sprachrohr für ihre Kinder“, sagt Christian Martens. Die Schulbehörde plant hingegen bei den zukünftigen Begehungen nur „im Gespräch mit der Schul- und Trägerseite die Qualitätsentwicklungsprozesse“ zu fördern.

„Die Qualität des Nachmittags entspricht, entgegen der Aussage des Senators, leider noch nicht den Wünschen der Hamburger Eltern und Kinder“, bedauert Christian Martens. Auch zu Beginn dieses Schuljahres beharrte Senator Ties Rabe darauf, dass es sich beim Ausbau der Nachmittagsbetreuung an Hamburger Schulen um Anfangsschwierigkeiten handele. Doch die Elternverbände sehen erheblichen Nachbesserungsbedarf und grundsätzliche Strukturprobleme. Christina Dwenger bringt es noch mal auf drei Punkte: „Wir fordern mehr Personal, geeignete Räume und frisches Essen in angenehmer Atmosphäre. Für GBS und GTS!“

Kontakt

Christina Dwenger 
kontakt@guter-ganztag.de

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