Das sagen Hamburger Eltern und Erzieher zum Ganztag:

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Januar 2016

Jörg K.: „Ich habe zwei Kinder in Hamburger Schulen, ein Kind ist schon an einer weiterführenden Schule, das andere geht auf eine gebundene Ganztagsschule. Ich bin seit 2009 aktiv im „Bündnis für Hortbetreuung“. Was für mich jetzt so ein Schlüsselerlebnis war vor etwa anderthalb Jahren, das war, dass mein kleiner Sohn, der begeistert Fußball gespielt hat, eben so k.o. aus der Schule kam, weil da einfach Rückzugsmöglichkeiten und Ruheräume fehlten, dass er mich gebeten hat, ihn vom Fußballtraining abzumelden, obwohl es ihm eigentlich wahnsinnig viel Spaß gemacht hat. Aber es war ihm einfach zu viel, nach diesem Achtstundentag in der Schule dann noch irgendwie zum Fußball zu hetzen und, ja, da eben wieder funktionieren zu müssen. Der wollte einfach raus aus der Gruppe, der wollte nur noch seine Ruhe haben. Das ist für mich auch eine Motivation gewesen, mich hier doch stärker zu engagieren, obwohl es mich – der ist mittlerweile in der vierten Klasse – so intensiv nicht mehr betreffen wird.“

Nils L. (Gruppenerzieher, Vertretungsförderlehrer, Vater eines Sohnes an einer GBS-Schule): „Guter Ganztag braucht einen höheren Betreuungsschlüssel, ist für beide Professionen zu niedrig. Dieser Punkt ist mir am wichtigsten und betrifft alle Ganztagsmodelle. Das ist meine Meinung als Vater, Lehrer und Erzieher.“

Michael K. (Hamburg Nord, Kinder sind in GBS): „Guter Ganztag braucht gute Betreuung und gute Betreuung braucht mehr Erzieherinnen und Erzieher. Mit dem derzeitigen Betreuungsschlüssel ist eine gute Betreuung nicht zu realisieren. Ein Erzieher allein kann keine Angebote für 23 Kinder machen. Er kann sich auch nicht um sie kümmern, um alle 23 gleich, weder beim Übergang aus der Schule in den Nachmittag noch beim Mittagessen oder in der Lernzeit. Kinder brauchen in der Schule einen Ort, wo sie sich wohlfühlen, wo sie sich austoben können, wo sie aufgefangen werden. Und dafür braucht es Menschen, die für sie da sind. Ein einzelner Erzieher reicht dafür bei 23 Kindern nicht aus. Wir brauchen mehr in allen Nachmittagsgruppen, damit gute Betreuung und damit guter Ganztag endlich Realität werden.“

Ulrike D. (Mutter von zwei Kindern und Unternehmerin): „Es ist beschämend, dass Hamburg als eine der reichsten Städte Europas jene mit reiner Missstandsverwaltung beschäftigt, die sich eigentlich der Bildung und Betreuung unserer Kinder widmen sollten. Viel beschämender noch, was Hamburg bereit ist, seinem Nachwuchs an Kindheit übrig zu lassen.“

Nico F. (arbeitet im Bereich GBS, drei Kinder in GTS, die vorher in GBS waren): „Kinder sind die Generation von morgen. Und auch wenn sich das Umfeld und ihre Bedürfnisse verändern, was sie ständig brauchen, ändert sich nie: Die Liebe, Bindung, Zeit, Verbindlichkeit, Spielen, Lernen und Leben. Der Zeitraum Kindheit ist nicht die Vorbereitung auf das Leben, sondern das Leben selbst. Von Peter Rosegger.“

Claudia W. (Hamburg Mitte, zwei Kinder): „Ich unterstütze die Initiative, weil sie meines Erachtens den Finger in die Wunden des Ganztagssystems legt: Kooperation, Räume, Personal und Essen. Ganzheitliche Bildung muss eine hohe Qualität haben, und Qualität bekommt man nicht, wenn sich Schulen nach einer zu kleinen Decke strecken müssen.“

Helmut S. (Bergedorf, der 25 Jahre als Sonderschullehrer in Integrationsklasse): „Ein guter Ganztag braucht kleinere Gruppen und ausreichend qualifiziertes und gut bezahltes Personal, auch für die Inklusion. Heilerzieher/innen und Sonderpädagogen/innen müssen am Nachmittag zur Verfügung stehen. Die Kinder brauchen viel mehr Rückzugsräume, wie sie im Hort üblich waren. Sie kommen sonst zu wenig zur Ruhe.“

Gabi G. (Bergedorf): „In der heutigen Gesellschaft ist das gemeinsame Essen leider in den Hintergrund gerückt, aus verschiedensten Gründen. Umso wichtiger ist es, dass den heutigen Schülern wieder eine gemeinsame Essenskultur nahegebracht wird. Die Einnahme sollte daher von Schülern und Lehrern gemeinsam eingenommen werden, und dies in einer angenehmen Atmosphäre. Eine gesunde, regionale und frisch zubereitete Mahlzeit sollte für alle Kinder in Hamburgs Schulen möglich sein und werden, um auch schon den Kleinsten die gemeinsame Einnahme von Mahlzeiten näherzubringen.“

Gerd K. (44 Jahre alt, zwei Kinder, beide in GTS, vorher in GBS): „Meine Anmerkung dazu ist, dass es vor allem die fehlenden Investitionen sind in Bildung und Ausbildung unserer Kinder, die eben heute nicht geleistet werden und die uns in Zukunft doppelt und dreifach teuer zu stehen kommen werden. Es ist für mich ein Armutszeugnis, wie wenig Bereitschaft hier offensichtlich herrscht, um Kinder und Familien zu fördern und so zu entlasten, wie es notwendig wäre.“

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