Nach 20 Jahren Rückzug aus der Schulkindbetreuung.

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März 2016
Erfahrungsbericht einer ehmaligen GBS-Leitung

Nach 20 Jahren Rückzug aus der Schulkindbetreuung.

Der Alltag im schulischen Hort.

Der Träger hat seit 1995 an der Schule einen Hort betrieben und diesen je nach Bedürfnissen der Schule/Eltern immer weiter ausgebaut. Zum Ende der Hortzeit 2013 hatten wir ca. 85 -90 Kinder in vier Gruppenverbänden.

Wir waren als integrativer Träger seit 1992 maßgeblich durch eine starke Elternvertretung daran beteiligt, dass die Schule ab 1994 schließlich auch eine Schule mit Plätzen für behinderte Kinder wurde.

Ab 1995 haben wir als erster Träger in Hamburg auch behinderte Kinder im Hort betreut und damit das Profil der Schule mitgestaltet und ergänzt.

Wir haben immer in eigenen Räumen der Schule betreut (erst zur Miete und später 2011 ohne Entgelt ) und diese Räume mit viel finanziellem Engagement ausgestattet. In jedem Gruppenraum gab es eine Einbauküche, Essgelegenheiten, Ruhe- und Rückzugsbereiche, vielfältigste Spiel- und Themenecken, Nebenräume wurden für die Hausaufgaben genutzt. Diese Raumgestaltung hat den Kindern ein Gefühl von zu Hause vermittelt. Es gab immer Obst, Müsli, Joghurt und Getränke zur freien Verfügung (wie zu Hause), es konnte gekocht und gebacken werden. Die letzten 4-5 Jahre hatten wir sogar einen eigenen Pavillon mit eigenen Sanitärbereichen die wir neu gefliest und ausgestattet haben.

Wir haben immer eigene Putzkräfte beschäftigt die alle Räume gereinigt haben.

Wir hatten immer eigene Hauswirtschaftskräfte die für die Verteilung des Essens, das Aufräumen der Küche, das Herstellen von Nachtisch oder Salaten. Die Kolleginnen gehörten mit zum Team und waren für die Kinder feste Ansprechpartner

In jeder Gruppe haben 2 Kollegen/innen gearbeitet, Praktikanten und Zivildienstler / Bufdis

Es gab eine pädagogische Leitung vor Ort und ein Kita- Büro für alle administrativen Belange in 2 km Entfernung.

Wir haben in den Ferien immer ein besonderes Ferienprogramm veranstaltet: Schwimmen gehen, Hafenrundfahrt, Hagenbeck, Töpferkurse etc. Einmal im Jahr haben wir während der Maiferien eine Reise angeboten (nach Amrum oder Plön)

Die Beteiligung der Kinder in allen Bereichen war oberstes pädagogisches Gebot. Die Farbauswahl der Gruppen, die Angebotsstruktur etc.

Der Nachmittag hatte einen festen Rahmen und begann immer mit einem Gesprächskreis, um gemeinsam den Nachmittag zu planen und zu wissen, wer welche „ Kümmernisse“ hatte und auf wen wir Rücksicht nehmen mussten.

Hausaufgaben wurden als Angebot betreut, es gab auch Kinder, die bei uns keine Hausaufgaben machten.

Die beschriebene Situation hatte eine pädagogische Qualität, die Raumausstattung war exzellent, die Atmosphäre familienähnlich und sehr persönlich, wir hatten fast keinen Personalwechsel und eine hohe Fortbildungsbereitschaft der Kolleginnen. Die Kolleginnen hatten fast alle einen 35 Stunden-Vertrag und haben nebenbei in unserer Kita am Vormittag gearbeitet. Darum war ein Übergang in den Hort immer auch Übergang zu vertrauten Personen.

Die Hortbetreuung war sehr gut auskömmlich trotz hoher Personalkosten und sehr guter Sachmittel-Ausstattung (Lebensmittel nur Bio, etc.).

Das Hortsystem lief immer neben dem Schulsystem her. Die Zusammenarbeit war auf ein Minimum reduziert, Versuche diesen Umstand zu ändern, scheiterten an der Bereitschaft, etwas an den alt bewährten Zuständigkeiten zu verändern. Dieses Nebeneinanderher war deshalb zu akzeptieren, da wir ein hohes Maß an Zufriedenheit aller Beteiligten hatten (Kinder, Eltern, Personal) und pädagogisch sehr qualitativ hochwertig arbeiten konnten.

Veränderung durch GBS

Die Veränderung ins GBS-System stellte für uns (neben den kritischen Befürchtungen) einen ernstzunehmenden Versuch dar, die Zusammenarbeit neu aufzustellen und gemeinsam Schule neu zu denken.

Schon beim Startzeitpunkt gab es die ersten Krisen. Die Schule wollte als Pilot ein Jahr früher ins GBS-System wechseln. Diskussionen auf einen ruhigen, geplanten Start scheiterten.

Auf der Schulkonferenz wurde mithilfe der Stimmen der Elternvertreter (alles zufriedene Horteltern) dieser Vorschlag abgelehnt und brachte eine ernste Störung in unsere Kooperation.

Als wir 2013 dann ins GBs-System starteten, waren alle Kolleginnen trotz Bedenken hochmotiviert und sehr aktiv die neue Situation im Sinne der Kinder gut hinzubekommen.

  • Von Seiten der Schule gab es hier keinerlei Unterstützung (keine vorbereitenden Treffen zwischen Lehrkörper und Erzieherinnen um Inhalte abzugleichen, keine Besprechungen bezüglich gemeinsamer Veranstaltungen wie Einschulungsfeier etc. ausschließlich gemeinsame Organisation auf Leitungsebene fand statt).
  • Auf der Einschulungsfeier wurde die GBS und die Veränderung mit keinem Wort erwähnt die Kolleginnen nicht vorgestellt etc.
  • Die neue Situation (Verdopplung der Gruppengröße bei gleichem Personal, Essen mit 150 Kindern in einem Raum in zwei Schichten u.a.) wurde vor allem von den Erziehrinnen als neu und gänzlich anders erlebt. Für die Lehrerinnen veränderte sich gar nichts.
  • Versuche gegenseitiger Hospitationen wurden abgelehnt.
  • Gemeinsame Konferenzen wurden nur von der Leitung verordnet, aber nie mit Leben gefüllt.
  • Keinerlei gemeinsame pädagogische Haltung als Handlungsgrundlage wurde erarbeitet, wir (Erzieher) störten irgendwie ständig deren (Schule) Ruhe, war unser Gefühl.
  • Die exzellente Raumausstattung wurde stets neidvoll bemerkt, aber nie konstruktiv/kooperativ genutzt.
  • Der Vorschlag gemeinsamer Feste, gemeinsamer pädagogischer Konferenzen, gemeinsamer Elternabende etc. wurde mit Nichtreaktion beantwortet.
  • Die Verteilung der GBS Mittel (Hälfte Schule/Hälfte GBS-Träger) wurde von uns gefordert transparent darzustellen und in Listen zu erläutern, die Nutzung der Schulmittel wurde nie offengelegt, im Gegenteil es wurden Ausstattungen für Klassenräume getätigt, die nur zufällig bekannt wurden aus diesem Topf bezahlt worden zu sein.
  • Es gab regelmäßige Treffen auf Leitungsebene, aber wir schafften es nicht die Lehrerinnen mitzunehmen.
  • Gemeinsame Konzeptentwicklung entwickelte sich zur Farce, die stellvertretende Schulleitung übernahm hier die federführende Rolle und war in fast allen Arbeitsgruppen dominant.
  • Eine Kooperation auf Augenhöhe rückte immer weiter in die Ferne, die Kolleginnen waren mehr und mehr enttäuscht.
  • Die Haltungsänderung auf beiden Seiten schien auch mir als Leitung fast nicht mehr erreichbar.
  • Die alleinige Raumnutzung wurde erst von der Schulaufsicht hochgelobt (bei dem Besuch 2014) und schließlich aufgekündigt.
  • Die Kolleginnen konnten immer weniger ihren Überzeugungen entsprechend arbeiten. „Satt und sicher“ als Grundhaltung drohte andere Ansprüche zu verdrängen.
  • Die Flexibilität der Betreuungszeiten stand über der Sinnhaftigkeit für die Kinder.
  • Planbarkeit pädagogischer Handlungen war ein neues Fremdwort geworden, da jedes Kind in den unterschiedlichsten Angeboten angemeldet war und für ruhige Sequenzen keine Zeit mehr blieb.
  • Die meisten Eltern schwammen in dem neuen und „kostenfreien „Rahmen plötzlich mit dem „Hamburger Strom“ und waren keine Partner im Durchsetzen unserer pädagogischen Grundhaltungen mehr. Sie waren einfach „gekauft worden „durch das neue und scheinbar kostenfreie Angebot. Schon 13 € für Getränke, Obst und Müsli zu bezahlen, geriet in diesem wohlhabenden Stadtteil zur Grundsatzdiskussion.
  • Der „Bildungswahn“ wurde durch eine vielfältige Angebotsstruktur angefeuert (je mehr, je schlauer). Freispiel und selbstbestimmtes Handeln der Kinder wurde dem neuen Bildungsverständnis unterworfen und alle Akteure schienen damit plötzlich zufrieden zu sein.
  • Immer mehr Kolleginnen entwickelten andere Berufspläne und es drohte dem Träger ein Supergau mit unbesetzten Stellen.

Darum zogen wir im Dezember 2014 die Reißleine und verabschiedeten uns schweren Herzens nach 20 Jahren aus der Schulkindbetreuung.

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